Lenzeiche Sichertshausen (zu Niederstetten im Main-Tauber-Kreis, Baden-Württemberg)

Lenzeiche Sichertshausen: die Lenzeiche Sichertshausen mit ihrer ganzen Pracht der voluminösen Krone
BaumartHybrid-Eiche, auch Mitteleuropäische Eiche genannt (Quercus x rosacea: Kreuzung von Stiel- und Trauben-Eiche als Eltern)
Standort:500 m südlich vom Dorf Sichertshausen direkt an der Straße, Parkplatz am Feldweg 75 m neben der Eiche rechts; Ortsteil der Kleinstadt Niederstetten, Main-Tauber-Kreis, im fränkischen Nordosten von Baden-Württemberg
Alter:ca. 400 Jahre (290 – 500 Jahre werden genannt)
Stammumfang:6,90 m (an Taille in 1,2 m Stammhöhe, gemessen Mai 2025)
Höhe:ca. 25 m
GPS-Daten: N 49.371559, O 9.899982
NEB ab:Juli 2025 (die Ausrufung ist am So 19. Oktober 2025 um 10:30 Uhr geplant, mit ökumenischem Gottesdienst)

Die Lenzeiche ist ein markanter Baum in der freien Landschaft nahe dem Ortsteil Sichertshausen der Kleinstadt Niederstetten. Sie hat eine gewaltige, 32 m breite Krone entwickelt, die wunderbar intakt ist, obwohl sie dort freistehend Wind und Wetter und damit auch den Blitzen bei Gewittern ausgesetzt ist. Diese könnten auch die Ursache dafür sein, dass sie eine so beeindruckend breite Krone entwickelt hat, das liegt aber wohl vor allem am Freistand, da sie bei fehlender Konkurrenz von Nachbarbäumen ja nicht nach oben gedrängt wird – freistehende Eichen sehen daher oft so aus. Die unteren waagerechten Äste der Lenzeiche wurden seit langer Zeit auf Stützen befestigt, was auch heute noch der Fall ist. Sonst würden sie inzwischen auf der Wiese darunter liegen, könnten sich dann sogar bewurzeln und zu separaten Bäumen entwickeln (an anderen freistehenden Eichen ist das bisweilen sichtbar, so auch bei unserer NEB-Eiche in Klein Lübars, Sachsen-Anhalt). Diese Stützen müssen erhalten bleiben, da sich die betroffenen Äste inzwischen daran gewöhnt haben.

Das Alter dieser Eiche wird sehr unterschiedlich eingeschätzt, meist mit 290 Jahren oder sogar jahrgenau mit dem Entstehungsjahr 1737 aus einer Eichel. Dafür wird eine vor 40 Jahren durchgeführte „Jahrringbohrung“ als Begründung herangezogen. Damals hat man mit einer sehr langen Bohrnadel ein Loch in den Stamm gebohrt, wobei der Widerstand beim Bohren graphisch aufgezeichnet und jeder höhere Widerstands-Peak dann als Jahrring gezählt wird. Diese Methode ist allerdings zur Altersbestimmung nicht sehr überzeugend und sogar ungeeignet, da bei solchen Bohrwiderstands-Messungen enge Jahrringe übergangen werden (weil dann kein separater Peak entsteht). So wird damit das Alter deutlich unterschätzt, die Größe dieses Fehlers ist vom Wachstum abhängig und damit baum-, alters- und standortspezifisch unbekannt. Wir landen hingegen nach unseren Recherchen bei etwa 400 Jahren, was auch viel besser zur Historie und Gestalt dieser Eiche passt.

Der Name Lenzeiche wird schon seit langer Zeit benutzt und findet sich auch schon in sehr alten Karten wieder, z.B. heißt ein Weg durch den Wald zur Eiche seit jeher Lenzeichenweg. In sehr früher Zeit muss dies wohl schon ein magischer, mystischer oder strategischer Ort gewesen sein, denn schon vor Jahrhunderten hat man sich hier immer im Frühjahr an der Eiche zum Frühlingsfest getroffen und gefeiert (Lenzfeiern). Dadurch soll sich der Name Lenzeiche seitdem etabliert haben.

Belegt ist die frühere Funktion der Lenzeiche als Grenzbaum, an dem das Cent-Gericht regelmäßig tagte. Bei dieser relativ komplexen mittelalterlichen Gerichtsform mit umfassenden Ablaufregeln wurden einzelne Centgaue mit Grenzbäumen abgegrenzt, ein solcher war auch die Lenzeiche. Sie trug deshalb auch den Namen Cent-Eiche.

Diese Lenzeiche ist erst vor kurzem von der Dt. Dendrologischen Gesellschaft zum Bundeschampion der Hybrid-Eiche gekürt worden – denn sie ist eindeutig eine Kreuzung von Stiel- und Trauben-Eiche, wurde zuvor (seit Jahrhunderten) aber immer als Stiel-Eiche bezeichnet. Dieses Thema ist sehr unterhaltsam, das haben sicher etliche schon beim Lesen des Berichtes (mit Bildern) zur kürzlichen Ausrufung der Ivenacker Eiche mitbekommen: bei ihr wurden Blätter beider Eichenarten an demselben Baum in verschiedenen Kronenteilen gefunden.

Das Besondere der hier vorgestellten Lenzeiche ist nun, dass sie überall in der gesamten Krone Blätter- und Fruchtmerkmale zeigt, die genau zwischen Stiel- und Trauben-Eiche stehen. Dabei ergab eine detaillierte Überprüfung vor Ort am 8. Mai 2025 folgendes:

(die beiden eingeklammerten Merkmale haben dabei nachrangige Bedeutung)
erfasstes Merkmalspricht für
Blätter > 1cm lang gestieltTrauben-Eiche
unbehaart beim AustriebStiel-Eiche
kaum BuchtennervenTrauben-Eiche
(Öhrchen am Blattgrund)(Stiel-Eiche)
Früchte gestieltStiel-Eiche
(Früchte jung behaart)(Trauben-Eiche)

Somit steht es also bei der Lenzeiche genau 3:3 bei den Unterscheidungsmerkmalen von Stiel- und Trauben-Eiche!
Solche Hybrid-Bäume zwischen Stiel- und Trauben-Eichen findet man durchaus häufig in verschiedenen Ausprägungen und Übergangsstufen (wenn man genauer hinsieht). Eigentlich dürften es dann gar nicht zwei Arten sein, wenn sie sich regelmäßig kreuzen. Daher haben wir bereits seit 1995 nach unseren umfangreichen Untersuchungen damals mehrfach publiziert, dass es sich aus unserer Sicht bei Stiel- und Trauben-Eiche um eine einzige Baumart („Mitteleuropäische Eiche“) mit besonders großer Variabilität und Anpassungsfähigkeit handelt. Diese Ansicht hat sich aber bisher nicht durchgesetzt (was wir auch nicht erwartet hatten), obwohl Carl von Linné es 1753 genauso gesehen und sie ebenfalls nur als eine Eichenart beschrieben hat.

Studierende der Forstwissenschaften in Tharandt (TU Dresden) mussten daher bei der Baumarten-Kenntnisprüfung und in der Dendrologie-Klausur diese Sichtweise seit 1995 auch kennen und die Gründe dafür nennen. Interessant ist, das genau solch eine Hybrid-Eiche auf den 1-, 2- und 5-Cent-Kupfermünzen zu sehen ist – vielleicht war die Lenzeiche sogar dafür die Bildvorlage? Zudem hieß diese ja vor 300 Jahren aus anderen Gründen (s. oben) auch schon Cent-Eiche, und dieser Name erhält bei ihr nun plötzlich eine ganz neue Bedeutung – herrlich!

Sie merken also: bei diesem Baum gibt es viel Spannendes und Unterhaltsames zu erzählen, das soll jetzt aber mal genügen. Wer den Baum aufsucht, wird jedenfalls mit Sicherheit von seiner Mächtigkeit beeindruckt und ergriffen sein. Und wenn man sich dann ausgiebig die oben in der Tabelle genannten Hybrid-Merkmale am Baum angesehen hat, kann man das anschließend bei einer Vesper im nahen hübschen Städtchen Niederstetten setzen lassen.

Text und Fotos: Andreas Roloff, TU Dresden