Röthlinde in München (Regierungsbezirk Oberbayern)
| Baumart | Winter-Linde (Tilia cordata) |
| Standort: | im Stadtteil München-Moosach auf einer großen Wiese südwestlich des Westfriedhofs; nah bei Baldurstr. 64, am östlichen Beginn der Nederlinger Straße; Landeshauptstadt München, Regierungsbezirk Oberbayern, Bundesland Bayern |
| Alter: | ca. 450 Jahre (400-500 Jahre nach Standort, Baumhistorie und -gestalt) |
| Stammumfang: | 6,45 m (in 1,3 m Stammhöhe, gemessen Jan. 2026) |
| Höhe: | ca. 15 m |
| GPS-Daten: | N 48.168070, O 11.515390 |
| NEB ab: | August 2026 (die Ausrufung ist am 14. Okt. 2026 um 14 Uhr geplant) |
Mit ihren hergeleiteten etwa 450 Jahren ist die Röthlinde ein sehr beeindruckender Uraltbaum mitten im Münchener Großstadt-Ambiente, noch dazu eine Winter-Linde – die auch tatsächlich eine ist (keine der viel häufigeren Sommer-Linden, wie es sich sonst oft bei genauerer Prüfung herausstellt).
Die Röthlinde war eine „Zufallsbekanntschaft“ (wurde nicht gemeldet): sie gehörte zur Auswahl von Bäumen einer internationalen Künstlergruppe, die das Thema ‚Bäume und Wasserkreislauf‘ durch eine Open Air-Performance an 6 ausgewählten Altbäumen in München für die Bevölkerung und Baum-Interessierte visualisieren wollten. Das Künstlerteam hatte mich 2025 dazu angefragt und gebeten, ob ich ihnen an den ausgewählten Bäumen etwas zu deren Lebensgeschichte und Besonderheiten im Wasserhaushalt erzählen könnte. Ich fand diese Aufgabe ungewöhnlich und daher spannend, kannte die Bäume allerdings vorher gar nicht. Und so trafen wir uns am 2. Und 3. Januar 2026 an der Isar und haben 2 Tage zusammen etwa 1-2 Stunden bei -10° C an jedem Baum zugebracht (und uns zwischendurch immer mal etwas aufgewärmt).
Dort habe ich ihnen erzählt, was ich den Bäumen ansehe, wie es ihnen geht und was sie schon erlebt haben (z.T. seit über 100 Jahren) – das Künstlerteam kam dabei sehr ins Staunen, und sie haben dies dann alles künstlerisch verarbeitet und umgesetzt. Es hat ihnen sehr große Freude bereitet, die Körpersprache der Bäume verstehen zu lernen, und mir hat es sehr gefallen, wie schnell sie sich in Bäume hineinversetzt und daraus eine anschauliche Geschichte zu jedem Baum entwickelt haben.
Und einer dieser ausgewählten Bäume war die Röthlinde, als letzter Kandidat auf unserer zweitägigen Tour! Da kam ich meinerseits ins Staunen über ihr Aussehen, ihr Alter und was sie alles schon erlebt hat in ihrem langen Leben. Beim Erzählen habe ich immer neue Besonderheiten des Baumes gefunden, die Künstlergruppe wollte mehr und mehr dazu hören und wir hatten zusammen viel Freude daran. Diesen ungewöhnlichen Job dort habe ich sehr genossen und kam dabei auch ins Grübeln über einen möglichen Nationalerbe-Baumkandidaten für die Großstadt München: dazu habe ich dann noch weitere mögliche Kandidaten dieser Großstadt recherchiert, und die Röthlinde hat sich klar als Favorit herausgestellt.
Die Aufführungen der Theater-Performance Tree River fanden dann im Juni 2026 an 4 Bäumen statt und haben großen Zuspruch erfahren. Allerdings konnte dabei die Röthlinde doch nicht mehr mit dabei sein, da ihr Standort so nah an einer vielbefahrenen Straße sich für eine solche Aufführung als ungeeignet herausstellte.
Und so habe ich im Frühjahr 2026 die Münchner Baumverantwortlichen also zur Röthlinde angefragt und sie ihnen als Münchner Kandidaten für einen Nationalerbe-Baum vorgeschlagen – sie waren und sind überwältigt und haben entschieden, dass sie das unbedingt wollen und begeistert sind, wenn nun auch die Landeshauptstadt München einen Nationalerbe-Baum erhält. Danach haben wir uns im Juli zum Ortstermin getroffen und dabei alles besprochen, einschließlich Terminfestlegung für die Ausrufung und wie sie ablaufen soll. Es war und ist eine große Freude für alle Beteiligten – und nun ist es also so weit, dass die Röthlinde dafür publik gemacht wird.
Die Linde ist mit ihrem Namen dem Maler Philipp Röth (1841 – 1921) gewidmet, der im späten 18. Jahrhundert oft unter diesem schon damals besonderen Baum gesessen und dort Landschaftsbilder gemalt hatte. Am Baum erinnert daher eine Gedenktafel an diesen Maler der Spätromantik und des Impressionismus. Seine Naturdarstellungen beeindrucken durch ein enormes Einfühlungsvermögen für die Wiedergabe jahres- und tageszeitlicher sowie wetterbedingter Stimmungen, wobei gerade alte Bäume oft eine zentrale Bedeutung für seine Bilder hatten.
München hat durchaus einen sehr beachtlichen Baumbestand, um den sich auch ein großes engagiertes Team der Landeshauptstadt sehr verantwortungsbewusst kümmert. Mit Hilfe von Luftbildern und KI wurde kürzlich ermittelt, dass es etwa 1,7 Mio. öffentliche Stadtbäume in München gibt (https://www.werkstadt-muenchen.de/wiki/baeume-muenchen/), für die das Baureferat Gartenbau in der Stadtverwaltung ggf. gemeinsam mit der Unteren Naturschutzbehörde (bei Naturdenkmalen wie der Röthlinde) zuständig ist.
Dabei gibt es in solchen Großstädten meist nicht viele besonders alte Bäume. Diese Linde soll sogar der älteste Baum von München sein, bekannt ist zumindest kein älterer. Es könnte zwar in einer der großen alten Münchner Parkanlagen noch einen weiteren Baumveteran geben, dessen Alter man nicht genauer kennt oder nie untersucht hat – ein höheres Alter ist dort aber nicht zu erwarten.
Text und Fotos: Andreas Roloff, TU Dresden