1000-jährige Linde in Upstedt (Stadt Bockenem bei Hildesheim, Niedersachsen)

Baumart | Sommer-Linde (Tilia platyphyllos) |
Standort: | Ortsteil der Stadt Bockenem im Ambergau bei Hildesheim; im Dorf ausgeschildert und über die 3 Sträßchen Zur Linde, Unter der Linde und Zum Krug erreichbar; Bundesland: Niedersachsen |
Alter: | ca. 1.000 Jahre (900-1.100 nach Ortshistorie, Standort und Baumgestalt) |
Stammumfang: | 11,90 m (an Taille in 1,05 m Stammhöhe, gemessen April 2025) |
Höhe: | ca. 12 m |
GPS-Daten: | N 52.034184, O 10.070076 |
NEB ab: | August 2025 (die Ausrufung findet am 11. Oktober 2025 um 14 Uhr statt) |
Die Ortschaft Upstedt wurde 850 gegründet – zur Zeit der Christianisierung, und damals pflanzte man „Marienlinden“. So gibt es die Sage, dass die heutige Upstädter Linde damals als eine solche „Marienlinde“ gepflanzt wurde. Das ist aber frei erfunden und durch nichts belegbar. Hingegen heißt der Platz mit dem Lindenstandort seit etwa 1000 Jahren „Am Thie“ und war daher seit damals ein wichtiger Versammlungs- und Verhandlungsort (Thing), der zudem strategische Bedeutung hatte: man kann von dort weit in die Landschaft schauen über den „Ambergau“, eine große fruchtbare Muldenebene. Weiter gibt es auch noch die Aussage, dass die Linde im Jahr 1100 in einer Urkunde erwähnt wurde und dann schon ein älterer Baum gewesen muss. In einer anderen Version zu dieser Urkunde von 1100 heißt es, dass darin die Baumpflanzung genannt wurde – was nicht sein kann, denn Baumpflanzungen wurden damals nie beurkundet. Beides ist also nicht belegt und unglaubwürdig, und es konnte trotz intensiver Recherchen auch keine solche Urkunde gefunden werden.
Aber dass die heutige Upstedter Linde aus dieser Zeit der Jahrtausendwende stammen kann, zeigt ihre unbeschreibliche Stammgestalt: nur aus Beulen, zu Stämmen erstarkten autarken Innenwurzeln und zwei größeren Urstammresten bestehend, die noch bis vor kurzem am Kronenansatz verbunden waren: es passen in etwa 5 m Höhe die beiden Stammteile wie Schloss und Schlüssel zusammen. Die wollen wir nun mit Zweig-Überbrückungen wieder verbinden, was eine Weile dauern wird und dann wie eine natürliche Kronensicherung funktioniert – damit gibt es gute Erfahrungen. Nach einer Baumbeschreibung von 1950 gab es damals im Stamm 3 Öffnungen und er war begehbar. Heute sind es am Stammfuß 2 völlig voneinander getrennte Stammteile, die oben noch (fast) zusammenhängen.
Somit ist nun also bei diesem Nationalerbe-Baum die größte bisherige Überraschung eingetreten: die Sommer-Linde in Upstedt wird von uns als etwa 1000 Jahre alter Baum eingestuft. Damit haben wir endlich den ersten glaubhaften Tausender gefunden! Die belegte Orts- und Baum-Historie der Upstedter Linde lässt diesen Schluss zu, und vor allem passt die Baumgestalt dazu. So sind wir also bei unserer intensiven Suche erstmalig fündig geworden, und wollen dies hiermit auch schnellstmöglich bekanntmachen.
Was diese Linde alles schon erlebt und überlebt hat, ist einfach unglaublich: am Anfang des 2. Jahrtausends war sie eine Thingstätte und wurde dann etwa im 13. Jahrhundert ein Gerichtsbaum. Während eines Rechtsstreites mit gewaltsamen Auseinandersetzungen („Hildesheimer Stiftsfehde“ 1519 – 1523) wurde fast das ganze Dorf niedergebrannt, aber die damals etwa 500-jährige Linde überlebte das Feuer wie durch ein Wunder. In den 1890er Jahren schlug ein Blitz in den Baum ein und kappte die Krone. 1932 entzündeten spielende Kinder ein Feuer im Baum und das Stamminnere brannte aus, konnte von der Feuerwehr aber noch mühsam gelöscht werden. 1959 wurde die Linde „baumchirurgisch saniert“ – so nannte man Baumpflege- und -sicherungsmaßnahmen mit dem damaligen Wissensstand – und dabei wurde die Krone gekappt. 1973 brachen bei einem Sturm alle bis dahin wieder erstarkten Äste der Krone aus dem morschen Stammmantel ab. Und sie lebt immer noch!
Daher heißt es so treffend und schön in einer Chronik zu dieser Linde: es ist jedes Frühjahr ein unbeschreibliches Wunder, wenn und dass sie wieder austreibt! Zudem bringt sie an ihren aktuellen Wipfeltrieben der eingekürzten Krone immer noch Jahrestrieblängen von bis zu einem halben Meter zustande – weshalb sie nun auch dringend wieder behutsam eingekürzt werden muss und das weiterhin etwa alle 5 Jahre, damit sie nicht zu kopflastig über den Stammruinen darunter wird. Auch die beiden rechts und links dahinter befindlichen Bedrängerlinden müssen dabei auf dieselbe Höhe eingekürzt werden, sonst könnten sie im Lauf der nächsten 100 Jahre die Uraltlinde womöglich durch Überwachsen zum Absterben bringen – die Situation ist jetzt schon kritisch.
Ich kenne die Linde seit über 40 Jahren (seit meinem Forststudium in Göttingen), damals hatte ich aber noch keine Ahnung und Erfahrung mit der Altersermittlung uralter Bäume und war nur einfach sehr beeindruckt von dem Baumveteran.
Bei der Vorbesprechung Anfang August wurde auch ausführlich über das Stammumfeld und den Platz am Baum diskutiert: ob da noch etwas zu optimieren ist – aber einmütig entschieden: am besten nichts verändern, denn dieser Methusalem ist ja bisher 1000 Jahre gut damit klargekommen. Es bleibt also (fast) alles wie es ist und das sieht ziemlich gut aus: Kies an der Oberfläche und ein Plattenweg einseitig hinter dem Stamm.
Diese Linde hat seit längerem 2 Namen: Dicke Linde und 1000-jährige Linde. Vor Ort hat man sich auf unseren Vorschlag hin für den zweiten Namen auf der Baumtafel entschieden: denn in diesem Fall trifft also das ‚1000-jährig‘ zum ersten Mal unter unseren Nationalerbe-Bäumen tatsächlich zu.
Im sehr alten aktuellen Ortswappen von Upstedt ist die Uraltlinde markant dargestellt, das sieht sehr treffend aus (Quelle: Wikipedia / Wappenbuch Landkreis Hildesheim-Marienburg 1966).
Text und Bilder: Andreas Roloff, TU Dresden