Alte Ulme in Gülitz (Landkreis Prignitz, Brandenburg)

Baumart Flatter-Ulme (Ulmus laevis)
Standort: auf dem Anger hinter der Kirche im Dorf Gülitz; Lkr. Prignitz, Brandenburg
Alter: 400-500 Jahre (geschätzt)
Stammumfang: 10,07 m (gemessen 08.2020 in 1,3 m Stammhöhe)
Höhe: 22 m (geschätzt)
GPS-Daten: N 53.202130, O 11.968667
NEB ab: Mai 2021

Auf dem Rad durch die Weite und Stille der Prignitz, weit nordwestlich von Berlin: stets ein ganz besonderes Erlebnis. Sanfte in sich ruhende Landschaften, abgelegen und einsam, verführen und entführen. Alte Alleen mit ihren dichten Laubdächern, geleiten und begleiten den Radwanderer. Und doch steht hier, verborgen wie behütet, einer der spektakulärsten Baumschätze Deutschlands, die Gülitzer Ulme, mit etwa 10 m Umfang und einem Alter von ungefähr 400-500 Jahren ein wahrer Methusalem.

Die Flatter-Ulme in Gülitz ist die stärkste Ulme Europas, vielleicht auch der ganzen Welt und einer der stärksten Bäume Deutschlands, und doch weist bisher kein Schild den Weg hierher. Sie steht ganz hinten im Dorf, auf dem Anger direkt bei der Kirche – ehemals befand sich hier der alte Friedhof, aber Gräber findet man heute keine mehr. Einige Steine der nicht mehr vorhandenen Friedhofsmauer hat die Ulme sich unter ihre knorrigen, weit anlaufenden Wurzeln und in den hohlen Stamm einverleibt, als wolle sie so die Geschichte des Dorfes für immer bewahren.

15 km sind es vom nächsten Bahnhof in Pritzwalk hierher, selten geht die Fahrt gerade auf dem kürzesten Wege, sondern meist im Zickzack, hier zwei starke Eichen, dort eine alte Linde, auch der Weg ist das Ziel. Unterwegs wächst stetig die Vorfreude: steht sie noch unversehrt, haben die Stürme des letzten Winters ihr Schaden zugeführt, ist sie noch vital? Das Ziel ist ein steter Begleiter.

Angekommen erfüllen sich Ruhe und Frieden, in sich ruhen Raum und Baum. Es ist die Gelassenheit, welche die alte Ulme ausstrahlt und mit der sie kraftvoll die ganze Welt um sich herum zu tragen scheint. Selbst wiederum beschützt durch das Dorf, das ihr Jahrhunderte lang Ort der Geborgenheit war und weiterhin ist. Man könnte hier stundenlang verweilen, sie betrachten, im Gras zu Füßen ihres mächtigen, vollkommen hohlen Stammes voller Knollen und Beulen liegen und dem Wind und den Vögeln in ihrer Krone lauschen, die kein Lärm einer Straße stört. Hier draußen in der entlegenen Ferne und doch geborgen unter der knorrigen Krone dieser alten Ulme.

Was könnte sie alles erzählen? Nicht von den großen umwälzenden Ereignissen, nicht von Kriegen und Katastrophen, nicht von berühmten Persönlichkeiten. Kein Kaiser oder Dichter wird hier je vorbeigekommen sein, keine napoleonischen Heerscharen, keine Panzer-Armeen. Sie hütet einen viel größeren Schatz: die Geschichte des Dorfes und seiner Menschen über viele Generationen hinweg. Anfangs hat sie noch die Verstorbenen auf dem heute aufgelassenen Friedhof begleitet, später die Schüler der schräg gegenüberstehenden alten Schule.

Wie die Menschen im Ort sie wohl über die vier Jahrhunderte gesehen haben? als jungen Baum eher beiläufig, als mächtigen hohen Riesen vielleicht furchtsam bei Stürmen, als knorrigen Methusalem bis heute ehrfurchtsvoll und voller Stolz. 13 kleine Kinder sollten schon einst in ihren hohlen Stamm gepasst haben, mindestens genauso viele braucht es heute, sie zu umfassen.

Mehr dazu von Einwohnern des Dorfes in einem 4-minütigen Beitrag des rbb.

Über einer mächtigen hohlen Basis aus Stamm und freiliegendem Wurzelstock voller Beulen und Knollen erhebt sich eine „wirre“ Sekundärkrone. Im Laufe der Jahrhunderte ist zunächst die Hauptkrone verlorengegangen, aus dem vitalen Stamm bildete sich eine neue Krone, einige derer Stämme ihrerseits wieder ausbrechen und neu entstehen.

Und stets naht auch wieder die Zeit des Abschied-Nehmens, jetzt gelassen in der neu gewonnenen Gewissheit, dass sie weiterhin da sein wird, wenn man dann wiederkommt.

Viele, und vor allem die alten Ulmen wurden in den vergangenen Jahrzehnten durch das Ulmensterben dahingerafft. Von der dafür verantwortlichen Holländischen Ulmenkrankheit ist aber die Flatter-Ulme, wie auch die Gülitzer Ulme eine ist, weniger stark betroffen als die anderen beiden heimischen Ulmenarten Feld- und Berg-Ulme.

Die Unterscheidung zwischen den 3 einheimischen Ulmen ist nicht einfach und oft fehlerhaft. So wird auch die Gülitzer Ulme bisweilen als Feld-Ulme ausgewiesen. Will man sicher sein, so muss man zur rechten Zeit (im April/Mai) nach den lang gestielten, hängenden und bewimperten Früchten der Flatterulme sehen. Schauen Sie dann mal genauer hin.

Zudem hilft an ihren Blättern als Merkmal, dass nur bei der Flatter-Ulme in der oberen Blatthälfte (fast) keine gegabelten Haupt-Seitennerven auftreten. Am Stamm von Flatter-Ulmen gibt es immer zahlreiche Austriebe, und die Wurzelanläufe sind brettartig hervortretend. Für diesen starken Baum tragen sie entscheidend zu seiner Stand- und Bruchsicherheit bei, nach dem “Eiffelturm-Prinzip”. So kommt bei jeder Umfangmessung etwas anderes heraus wegen der vielen Beulen, Rippen und Kehlen sowie meterhoher Wurzelanläufe – damit muss man bei sehr alten Bäumen leben.

Dieser Baum ist also etwas sehr Besonderes und Kostbares, u.a. eine der ganz wenigen Ulmen, die es über 500 Jahre Baumalter schaffen. Dafür wollen wir sie ehren, schützen, bewahren und pflegen im Rahmen des Nationalerbebaum-Projektes.

Text (bis auf die letzten beiden Absätze) von Andreas Gomolka, Berlin: Auszug aus dem Buch “Die starken Bäume Deutschlands”, Quelle & Meyer Verlag Wiebelsheim, 2020

Die Ausrufung und offizielle Feier zur Ernennung des Baumes wird erst am 29. Mai 2021 stattfinden, wenn wieder eine öffentliche Bekanntmachung des Termins und Einladung zur Feier zulässig ist.