Burkhartlinde am Haldenhof (Überlingen am Bodensee), Baden-Württemberg

Burkhartlinde am Haldenhof: "Senior mit Macken": offener Stamm der Linde mit Zeichen eines sehr, sehr harten Lebens, auch heute noch (Trittschäden an den Wurzeln)
BaumartSommer-Linde (Tilia plyatyphyllos)
Standort:beim Gasthaus Haldenhof, am Zuweg vom Wirtshaus zum Aussichtspunkt rechts an Hangkante; zur Stadt Überlingen gehörend: im westlichen Teil vom Nordufer des Bodensees; Anreise mit Pkw von Überlingen 11 km über Nesselwangen (oder von Westen über Bonndorf), oder steiler Aufstieg zu Fuß von Sipplingen 2 km (von Überlingen 8 km); Höhenlage 635 m ü.NN; Bodenseekreis, Baden-Württemberg
Alter:ca. 450 Jahre (400-500 Jahre, hergeleitet aus Stammdimension, -strukturen sowie Standort und Historie: Entstehung wahrscheinlich durch Wiederaustrieb aus dem Stock einer Vorgängerlinde)
Stammumfang:8,25 m in 1,2 m „Stammhöhe“ (Messung am Steilhang sehr schwierig: oberseits bodennah, April 2024)
Höhe:ca. 9 m
GPS-Daten: N 47.806099, O 9.092167
NEB ab:Mai 2024 (die Ausrufung findet am Do 27. Juni 2024 nachmittags statt)

Wir trauen diesem beeindruckenden Lindenveteran zu, dass er noch etliche weitere Jahrhunderte durchhält. Das hängt aber entscheidend davon ab, ob es gelingen kann, ihn vor weiteren Beschädigungen durch unachtsame Besucher und Baumliebhaber zu schützen. Dafür wird nun zeitnah eine dezente, aber deutliche Zaunkonstruktion aus Holz um den Baum errichtet, um möglichst viele Menschen am Laufen über die Baumwurzeln um den Baum sowie vor allem Kinder am Klettern in und auf den Baum zu hindern.

Beim Ausblick vom Aussichtspunkt 50 m hinter dem Baum sieht man gleich vorne unten am Bodensee die Uferstadt Sipplingen und dahinter Teile von Überlingen, gegenüber die Blumeninsel Mainau, Teile von Konstanz und weitere große Flächen des Bodensees mit dem südlichen Schweizer Ufer. Im Winterhalbjahr hat man noch mehr „Durchblick“ als im Frühjahr und Sommer, da die Baumkronen dann ohne Blätter sind.

Bei mir hat es bei allen bisherigen 3 Besuchen dort geklappt, dass die schneebedeckte Alpenbergkette am Horizont den phantastischen Blick über einen großen Teil des Bodensees nach Südosten krönte. Der Ausblickpunkt ist zudem enorm gelungen inszeniert: mit geologischer Erläuterungstafel, Liegestühlen sowie Freischnitt und Kurzhalten von zuviel Baumwuchs.

Aber nun zum Baum, der Burkhartlinde. Sie war mir bekannt durch ihre Vorstellung im ungemein beeindruckenden Buch „Baumschätze Baden-Württembergs“ von Jürgen Blümle (2023), einem der besten Altbaumkenner dieses Bundeslandes.

Der Name Burkhartlinde wurde schon vor langer Zeit für den Baum benannt nach einem Minnesänger der damaligen Burg Alt-Hohenfels (heute noch ihre Ruine unterhalb des Baumes), zu welcher in einer Urkunde erwähnt wird, dass er Anfang des 13. Jahrhunderts gerne unter einer Linde sang. Das ist eine schöne Vorstellung, aber unter dieser Linde kann es mit Sicherheit nicht gewesen sein. Hingegen ist es gut möglich, dass an dieser Stelle schon ein Vorgängerbaum stand, den Burkhart liebte und verehrte – und unter diesem daher öfters gesungen hat.

Wohl alle Altbaumkenner sind sich einigermaßen einig, dass dies heute unmöglich der Ursprungsbaum aus dem 12. Jhdt. sein kann – denn dann wäre er jetzt 900 Jahre alt! Aber es könnte sich also um seinen direkten Nachfolger mit inzwischen dann etwa 450 Jahren Alter handeln. Denn Linden haben die regelmäßige Angewohnheit, bei Totalschaden durch Feuer, Sturm oder Umstürzen aus dem Stock (den noch vorhandenen Wurzeln) wieder auszutreiben. Die Folgebäume sind dann genetisch identisch zum Ursprungsbaum, aber das Alter zählt man wieder neu, wenn nicht wesentliche Stammbereiche vom Vorgängerbaum damals noch erhalten geblieben sind und seitdem ununterbrochen weiterleben. Das ist hier definitiv nicht gegeben.

Der heutige imposante Stammumfang beträgt 8,25 m. Vor über 100 Jahren ist ein zweiter Stammteil über dem Weg weggebrochen und seitdem der Stamm offen, so dass der verbliebene Baumteil sehr schräg „in den Hang gekrallt“ sein Weiterleben meistern musste.  Man stelle sich vor, es gäbe den verlorenen Stammteil noch: dann wäre der Umfang heute deutlich über 10 m.

Die Burkhartlinde zeigt einen enormen Lebenswillen, sie treibt an vielen Stamm- und Astbereichen aus und repariert zudem fortlaufend die natürlichen und menschverursachten Schäden. Da sie weitgehend hohl im Stamminneren ist, verlockt dies regelmäßig Kinder zum Hineinklettern und zum Verstecken im höhlenartigen Stammfuß.

Offizieller Baumeigentümer sind nicht wie vielleicht zu erwarten die Gasthofbetreiber, sondern ist ein „Spital- und Spendenfond Überlingen“, welcher durch den Überlinger Oberbürgermeister vertreten wird. Alle 3 genannten Beteiligten: Gasthofbetreiber, Stadt und Stiftung sind enorm engagiert, den Baum zu pflegen, zu sichern und zu schützen und befürworten die jetzt erfolgenden Schutzmaßnahmen.

Im Umfeld der Linde gibt es einen sehr attraktiven Mischwald, welcher sich den steilen Hang hinauf- und herunter erstreckt. Ich habe dort an den Wegen sofort über 30 Baumarten gefunden, darunter auch etliche seltene. Und nicht weit von der Burkhartlinde (etwa 1,5 km entfernt in nördlicher Richtung) gibt es hier noch ein weiteres berühmtes Baum-Highlight: die Hildegard-Lärche im Wald, mit fast 46 m Höhe und über 5 m Stammumfang eine der höchsten und dicksten Lärchen Deutschlands. Sie ist sogar im Navi eingetragen, ansonsten GPS: 47.816427, 9.090517.

Für die Betreiberfamilie des Gasthofes ist die Burkhartlinde ein kostbares Familienmitglied: sie achten ihn sehr, sind begeistert von der jetzt erfolgenden Ehrung und haben großes Interesse, ihn zu schützen, da sie schon länger mit Sorge die Beschädigung des Baumes sehen.

Das „Gasthaus Haldenhof“ war ursprünglich seit 1440 der Wirtschaftshof zur nahen Burg Hohenfels, heute ist es (seit Mitte des 19. Jahrhunderts) ein beliebtes Ausflugsziel wegen der phantastischen und bis über 50 km weiten Aussicht auf und über den Bodensee mit Alpenpanorama im Hintergrund, sowie mit attraktiver regionaler Küche.

Etwas unerwartet ist der lange Anfahrtsweg von Überlingen: über Nesselwangen sind es 11 km (keine direkte Abfahrt von der B 31n, wie man nach Navi-Karte denken könnte!). Oder man wählt den lohnenden, wenn auch etwas mühsamen Aufstieg zu Fuß von Sipplingen (2 km, dauert 40-50 min je nach Aufstiegs-Kondition) oder 8 km von Überlingen.

 Text und Bilder: Andreas Roloff, TU Dresden