Erler Femeiche (Raesfeld)

Erler Femeiche: Stützenkonstruktion zur Sicherung gegen Auseinanderbrechen und Umstürzen
BaumartStiel-Eiche (Quercus robur)
Standort:in Erle (Gemeindeteil der Gemeinde Raesfeld, Kreis Borken, Westmünsterland, NRW), Ekhornsloh, nahe Kirche, auf einem von überall ausgeschilderten Platz
Alter:800-1000 Jahre (geschätzt: 900)
Stammumfang:12,45 m (gemessen 08.2021 in 1,3 m Höhe um die Stammteile herum)
Höhe:ca. 11 m
GPS-Daten: N 51.745478, O 6.862142
NEB ab:Oktober 2021

Was für eine Skulptur von Lebewesen, was für ein uraltes Geschöpf, welch aufregende Gestalt! ehrfürchtig steht man davor und betrachtet sie, die Erler Femeiche: möglicherweise der älteste Baum Deutschlands mit noch zusammenhängenden Teilen seines Originalstammes – also nicht aus Wiederaustrieben der Wurzel entstanden. Mit 12,45 m Stammumfang (um die lebenden Stammteile herum gemessen) ist sie wohl auch die dickste Eiche Deutschlands, und mit Urkunden belegt der älteste und bekannteste Gerichtsbaum Mitteleuropas (seit 1363). Seit 1750 wurde in der bis heute erhalten gebliebenen Pfarrchronik vom jeweiligen Pastor immer wieder auch zur Eiche berichtet und so ihre „jüngere“ Geschichte aufgeschrieben.

Für mich als Baumbiologen ist diese Eiche einer der wertvollsten Bäume unseres Landes, da er so viel von seiner fast 1.000-jährigen Geschichte preisgibt wie kaum ein anderer, bei denen vor dem 15. Jahrhundert meist alles im Nebel und in erfundenen Geschichten versinkt. Alleine das Gemälde von 1882 und das Foto dieses Baumes von 1892 (Bild 11 und 12) beantworten schon mindestens 10 Fragen zur Baumbiologie und belegen sein extrem hohes Alter, da man den Baum schon damals ganz genau vermessen hat. Zudem wird er auch heute beim Anschauen immer noch als ein Baum erlebt, und nicht als 2 oder 3 verbliebene getrennte Restteile desselben. Dies ist z.B. bei der Balderschwanger Eibe der Fall, die etwa ebenso alt sein kann, aber nur noch aus zwei vollkommen voneinander entfernt stehenden Stammresten besteht, welche optisch auch 2 verschiedene jüngere Bäume sein könnten. Und bei sehr alten Linden ist oft nicht sicher, ob der heutige Baum ein Wiederaustrieb aus der Wurzel eines Vorgängerbaumes ist.

Im Oktober 2021 wird die Erler Femeiche nun als erster Nationalerbe-Baum von Nordrhein-Westfalen in Raesfeld (Westmünsterland) ausgerufen. Damit verbunden ist die Finanzierung zukünftig notwendiger Pflege-, Sicherungs- und Schutzmaßnahmen gemeinsam mit der Kirche als Eigentümer, der Gemeinde und dem Landkreis. So soll diese herausragende Stiel-Eiche noch weitere Jahrhunderte der Nachwelt erhalten bleiben und in Würde altern. Es wurde auch schon seit Jahrzehnten sehr gut für sie gesorgt, was jetzt eine günstige Ausgangssituation ist.

Um diesen Baum ranken sich viele, viele Geschichten und Legenden, es ist ein kulturelles Denkmal sondergleichen. Im folgenden Text werden die sicheren und glaubhaften Ereignisse seines unfassbar langen Lebens vorgestellt – Vermutungen und erfundene Geschichten bleiben hier im Hintergrund oder im Dunkeln.

Der Baum hat seit mindestens 250 Jahren seine Krone „zurückgezogen“ (durch Absterben oder Abbrechen von Ästen), d.h. seine Höhe und damit Größe zurückgebaut und so die Transportwege für das Wasser von den Wurzeln zu den Zweigen und für den Zucker von den Blättern zu den Wurzeln verkürzt. Dies wurde und wird durch behutsame Schnittmaßnahem unterstützt, der Baum befindet sich (wieder) in einem sehr guten Pflege-, Schutz- und Sicherungszustand, die Krone ist für sein Alter sehr gut entwickelt.

Der bekannte Eichenspezialist aus den Niederlanden Jeroen Pater bezeichnet die Femeiche treffend als „den Veteran unter Veteranen“. Dieser Methusalem ist absolut einmalig: eine Skulptur von noch miteinander verbundenen Stammteilen, die Reste des möglicherweise 900 Jahre alten Baumes sind. Um 1750 war die Eiche noch relativ vollholzig (ähnlich Bild 11): es war nur Kindern möglich durch einen Spalt hineinzugelangen und dies auch nur mit großer Anstrengung, z.B. um die Eier von Pastors Enten herauszuholen – so steht es in der Pfarrchronik. Es brachen dann in der Folgezeit nach und nach größere Teile der Krone bei Stürmen ab. Danach hat man den Stamm ausgehöhlt (das Innere aus morschem Holz entfernt) und einen begehbaren Eingang in den Innenraum hergestellt (den vorhandenen Spalt erweitert). So wurde im Jahr 1814 dem damaligen Pastor im Baum ein Orden verliehen. Und Kronprinz von Preußen (später Friedrich Wilhelm IV.) speiste 1819 mit 56 Personen in der Mittagszeit an der Femeiche. Dazu aus der Pfarrchronik: „So war es der Wusch des Kronprinzen, am Abschluss des Mittagsmahls herauszufinden, wie viele feldmarschmäßig ausgerüstete Soldaten in der nunmehr ausgehöhlten Eiche Platz finden würden…“ Es passten 36 Infanteristen mit samt ihrer Waffen in den Baum! (hm – mich würde interessieren, ob dabei von den Beteiligten einer oder 2 geschmunzelt haben, oder ob das todernst zuging?)

Es wurde auch bei anderen Ereignissen der Zugwind beschrieben, der sich im Baum durch den Eingang unten und Öffnungen oben im Stamm als sog. „Kamineffekt“ entwickelte – das haben einige schon damals nicht lange ausgehalten und sind dann lieber ins Pfarrhaus an den richtigen Kamin umgezogen.

Im Jahr 1900 ist publiziert, dass der Hohlraum im Stamminneren fast 3 m breit war, mit einem noch relativ intakten etwa 15-20 cm dicken Stammmantel drumherum, sich also ein richtiger Innenraum ergab. Von 1892 gibt es ein phantastisches Foto vom Baum (Bild 12 der Bildergalerie), wo man seinen äußeren Zustand hervorragend erkennen kann mit bereits vollständig zurückgezogener Krone auf dem schon damals relativ kurzen sehr dicken Stamm. Bereits vor über 100 Jahren erhielt die Eiche 2 Eisenringe um ihren Stamm und 3 Stützbalken, zu ihrem Schutz vor Auseinanderbrechen und Umstürzen, und sie wurde eingezäunt. Die Stützen reichten jedoch nicht aus, es mussten dann bald 9 hergestellt werden – heute sind es 10 Stützbalken, ohne diese wäre der Baum längst auseinandergebrochen und/oder umgefallen. Theoretisch ist es aber möglich, dass er sich irgendwann wieder mehr selbst trägt. Man benötigt halt bei diesem Baum einen langen Atem, den hat er selbst ja auch schon seit Jahrhunderten gezeigt.

Wie durch ein Wunder wurde vor 50 Jahren in Zeiten der „Baumchirurgie“ der hohle Stamm nicht mit Beton ausgegossen oder ausgemauert, denn das hat man damals nach bestem Wissen bei vielen alten Bäumen gemacht. Dies hätte ihn vermutlich gekillt, wie man inzwischen von etlichen anderen Beispielen weiß. Es wurden zeitweise wieder neue Eisenringe um den Baum angebracht, um sein Auseinanderbrechen zu verhindern, dann aber wieder entfernt als man merkte, dass sie den Stamm strangulieren und zu Fäulen führen. Auch damals wurde ein Zaun um den Baum gebaut. Heute ist dieser für die Eiche überlebensnotwendig, um Besucher vom Zertrampeln der Wurzeln, Abbrechen von Zweigen und Beklettern des Baumes abzuhalten.

Im Mittelalter wurden – vom 14. bis zum Ende des 16. Jhdts. – unter der Eiche Femegerichte abgehalten (daher ihr Name Femeiche), wodurch wohl etliche Schwerverbrecher ihr Leben beenden mussten. Hierzu heißt es in einem dokumentierten Urteilsspruch eines anderen Femegerichtes von 1448 in heutiger Sprache: „Der Verfemte ist von allen Freiheiten und Rechten ausgeschlossen und der höchste Unfriede und Strang für ihn bestimmt. Er ist ehr- und rechtlos und jedermann preisgegeben. Sein Leib wird den Raben überlassen, seine Seele aber sei Gott befohlen.“ Jeder, der Kenntnis von einem Todesurteil hatte, durfte den Verfemten und für vogelfrei Erklärten an dem nächsten Baum aufhängen und den Vögeln zum Fraße freigeben, daher „vogelfrei“.

Der heutige Standort der Femeiche soll bereits im ersten Jahrtausend als Thingstätte mit Gerichtsversammlungen gedient haben. Das Femegericht wird seit 1992 vom Heimatverein zu besonderen Anlässen nachgespielt, mit eindrucksvollem Ablauf und viel Zulauf von Zuschauern.

Der Stamm hatte schon vor über 100 Jahren einen ähnlichen Umfang wie heute, mit einer Krone kaum größer als heute. Dies sind wichtige Hinweise für die Altersschätzung, denn der Zuwachs dürfte demzufolge seit über 100 Jahren gering sein – wie er vorher war, ist kaum zu rekonstruieren. Vor 40 Jahren beschloss man pessimistisch, die Eiche in Würde sterben zu lassen und gab ihr noch 30 Jahre – die sind längst abgelaufen, und ich traue ihr bei fachgerechter Pflege und Sicherung durchaus noch ein Jahrhundert und mehr zu.

Zu alten Eichen heißt es so schön: 300 Jahre kommen sie, 300 Jahre stehen sie, 300 Jahre gehen sie. Das ist eine sehr treffende Beschreibung ihrer Langlebigkeit, aber nicht wörtlich zu nehmen, denn dann hätte diese Eiche nun ihr Ende erreicht – die 3 Phasen können auch 400 Jahre dauern!

Seit mindestens 50 Jahren ist sehr gut dokumentiert, dass man sich über die Baumpflege und Umfeldgestaltung der Femeiche viele Gedanken macht. Schon aus damaligen Berichten und Protokollen wird deutlich, wie hoch die Wertschätzung dieses Methusalems war und bis heute geblieben ist – und in letzter Zeit sogar noch weiter zunimmt.

Es werden zudem vom Heimatverein Sämlinge der Femeiche angeboten, die aus ihren Eicheln angezogen worden sind und somit einen Teil ihrer Gene enthalten.

Text von Andreas Roloff, TU Dresden