Starker Ginkgo in Bornheim-Roisdorf bei Bonn (Rhein-Sieg-Kreis, NRW)

Starker Ginkgo in Bornheim-Roisdorf: den Park prägendes Ginkgopaar von der unteren Parkebene aus beiderseits oberhalb der Treppenanlage
BaumartGinkgo (Ginkgo biloba)
Standort:im Park vom Haus Wittgenstein: dies ist Privatgelände und zu beachten; der Zutritt zum Park und Baum ist werktags auch ohne Anmeldung von 9-17 Uhr gestattet; unmittelbar außerhalb des Bonner Stadtgebietes: 53332 Bornheim-Roisdorf, Ehrental 2-4; Rhein-Sieg-Kreis, Bundesland: NRW
Alter:ca. 185 Jahre (aus der Gebäude- und Parkhistorie hergeleitet)
Stammumfang:5,15 m (in 1,3 m Stammhöhe), an der Taille in 0,7 m Höhe: 4,95 m (gemessen im Jan. 2026)
Höhe:ca. 20 m
GPS-Daten: N 50.752903, O 7.002807
NEB seit:9. Juli 2026 (Bericht & Fotos)

Dieser starke Ginkgo steht im kleinen, aber feinen Park am Haus Wittgenstein des Bibelseminars Bonn. Er ist dreistämmig (Teilung in etwa 2 und 5 m Stammhöhe), hat einige bemerkenswerte ChiChi-Zapfen (Erläuterungen weiter unten) und einen besonders schönen Habitus. Es stehen sich 2 Exemplare am Rundweg auf der oberen Parkebene gegenüber, dieser ausgewählte ist der größere und dickere von beiden. Man kann davon ausgehen, dass beide zum selben Zeitpunkt gepflanzt wurden, also gleich alt sind: vermutlich zur Fertigstellung von Haus Wittgenstein 1845, weil damals auch der Park angelegt wurde.

Wenn eine Baumart all ihre Verwandten und Abkömmlinge äußerlich unverändert überlebt und die Drift der Kontinente, die Entstehung der Gebirgsketten, das Kommen und Gehen von Reptilien und Eiszeiten unbewegt und seit fast 200 Mio. Jahren ohne größere Schäden überstanden hat – dann zeigt das schon eine einzigartige Zähigkeit und fordert uns Respekt ab. Es wurden versteinerte Ginkgoblätter in vielen Regionen der Nord- und Südhalbkugel gefunden (auch hier bei uns!), die nahezu identisch mit den Blättern der heute lebenden Ginkgobäume sind. Daher wird die Art auch zu Recht als lebendes Fossil bezeichnet.

Ginkgos können über 1.000 Jahre alt werden, bei uns allerdings bisher höchstens etwa 250 Jahre, denn die Baumart wurde erst 1730 nach Europa eingeführt und hier dann nur allmählich verbreitet. Sie erreichen hierzulande bisher Stammumfänge von 3-4 m, nur selten maximal etwa 5 m wie bei diesem Exemplar. In seiner Heimat China habe ich den sog. Ur-Ginkgo gesehen mit über 16 m Stammumfang, eine unfassbar schöne und sehenswerte, glaubhaft etwa 3000-jährige Baumskulptur (ein Bild dieses Baumveterans wird beim anderen Ginkgo-Nationalerbebaum in Riesa/Sachsen gezeigt).

Die Baumart hat etliche Besonderheiten, weshalb ihr Blatt auch das Logo der Deutschen Dendrologischen Gesellschaft prägt: die lang gestielten, zweilappigen Blätter sind durch ihre fächerartige Form unverwechselbar. Am schönsten sind Ginkgos zweifellos im Herbst (Oktober bis November), wenn sich ihre Blätter bis in den November leuchtend goldgelb färben und die einmalige Blattsilhouette noch prägnanter in Erscheinung tritt.

Es gibt nur weibliche oder männliche Bäume, da die windbestäubten Blütengeschlechter auf unterschiedlichen Individuen vorkommen. Die weiblichen Blüten pressen zur Blütezeit morgens einen Flüssigkeitstropfen aus, um den Pollen aufzufangen – es lohnt sich, im Mai darauf zu achten und ihn vielleicht in der Morgensonne glitzern zu sehen. Der Bestäubungstropfen trocknet dann tagsüber wieder ein, wodurch der Pollen in das Blüteninnere gelangt.

Die von weiblichen Bäumen produzierten Samen sind bei uns bisweilen unbeliebt wegen ihres ranzigen Geruchs zur Reifezeit, in China hingegen extrem begehrt und hochverehrt: chinesische Ginkgosamen-Sammler ziehen im Herbst bei Sonnenaufgang durch die Parkanlagen, um die nachts heruntergefallenen Samen zu sammeln und dann zu verarbeiten. Davon können wir noch viel lernen.

Auch die medizinische Wirkung der Inhaltsstoffe von Ginkgoblättern ist unbestritten, Ginkgo-Präparate werden daher sogar in der Schulmedizin verordnet: zur Durchblutungsförderung und Steigerung der Gehirnaktivität mit Verbesserung des Erinnerungsvermögens.

Die Rinde ist eine schicke silbrig-graue, korkige Netzborke, sie ist schwer entflammbar und macht die Bäume im Alter feuerresistent. An der Unterseite von Ästen bilden sich gelegentlich Ausstülpungen – Chi-Chi, gesprochen: Tschi-tschi – wie Stalaktiten in Tropfsteinhöhlen, die nach unten wachsen. Wenn Sie das sehen wollen, müssen Sie sich viele Ginkgos anschauen, denn sie kommen äußerst selten vor. Bei diesem Ginkgo gibt es aber sogar mehrere Chi-Chi’s.

Zur Historie von Haus Wittgenstein (nach Wikipedia): Die Villa geht auf eine mittelalterliche Höhenburg an gleicher Stelle zurück. 1789 ging das Gelände in den Besitz der Familie Wittgenstein über. Die heutige klassizistische Villa anstelle des mittelalterlichen Vorgängerbaus wurde 1844/45 errichtet. Mitte der 1980er Jahre wurde die Anlage an die damals noch junge Partei Die Grünen verkauft und diente ihr nach Vollendung des Umbaus seit 1989 als Tagungshaus und Sitz ihrer Finanzverwaltung, ab 1991 auch als Bundesgeschäftsstelle. 1995 zog diese dann nach Bonn um.

Die heutige Nutzung vom Haus Wittgenstein mitsamt den Nebengebäuden erfolgt durch das 1995 gegründete Bibelseminar Bonn e.V. (BSB), eine Ausbildungsstätte vom Bund evangelisch freikirchlicher Gemeinden.  Das BSB nimmt jährlich etwa 50-60 Studierende auf und verbindet Theologie, Gemeindedienst und Mission, um Studierende für haupt- und ehrenamtliche kirchliche Aufgaben auszubilden.

Bei meinem 2. Ortstermin saß ich kurze Zeit im Eingangsbereich des Hauptgebäudes (vor der Besprechung mit der Hausleitung und -verwaltung), als mir von den vorbeikommenden Schülern gleich selbstgemachte Schokoladenbrezeln zum Verzehr angeboten wurden – von dieser Gastfreundschaft war ich ganz überwältigt.

Text und Fotos: Andreas Roloff, TU Dresden

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