Berg-Ahorn im Hirschpark Hamburg

Baumart Berg-Ahorn (Acer pseudoplatanus)
Standort: Hirschpark (am südöstlichen Ende der Lindenallee), nahe Eingang von der Elbchaussee; Stadtteil Nienstedten, Hansestadt und Bundesland Hamburg.
Alter: ca. 270 Jahre
Stammumfang: 5,55 m (gemessen 08.2020 in 0,9 m Stammhöhe an sog. Taille)
Höhe: 22 m, Kronenbreite 36 m
GPS-Daten: N 53.557324, O 9.827953
NEB seit: 23. Oktober 2020

Bei einer Mr. Germany-Wahl unter Deutschlands Bäumen würde er sicher ganz vorne mitspielen. Dies dürfte wohl einer der schönsten Berg-Ahorne der Republik sein: mit seinem starken Stamm und mächtiger Krone sowie sehr harmonischer, vollkommen intakter Silhouette, noch dazu in einer wunderschönen Parkanlage, dem Hamburger Hirschpark, vor einer berühmten und sehenswerten alten, vierreihigen Lindenallee. Der Stamm teilt sich in einer Höhe von etwas mehr als 2 m in zahlreiche Stämmlinge, ich kenne den Baum seit vielen Jahren. Als ich ihn 2009 im Winter fotografiert habe, hatte es kurz zuvor geschneit und da es nur wenig Schnee war, blieb er in der Baumkrone des Ahorns hängen und verdunstete von dort wieder, als danach die Sonne schien. So zeichnet sich auf dem Winter-Foto die “Kronentraufe” exakt durch den runden grünen Wiesenbereich ab – eine Stunde später war alles weggetaut. Das sind Erlebnismomente beim Baumfotografieren, die tief hängen bleiben, und ich habe mich noch lange über die damalige weite Anreise extra zu diesem Baum gefreut.

Dies ist ein Baum, zu dem Sie sofort eine Beziehung bekommen (wenn Sie es wollen und zulassen). Da darf man ruhig ein bisschen vermenschlicht über ihn denken und sich fragen: was er wohl schon alles erlebt hat und noch erleben wird, und wie er sich in diesem Umfeld der Parkanlage “fühlt”? Er sieht jedenfalls so aus, als geht es ihm bestens. Zudem ist der Stamm ein ästhetisches Highlight: mit seinen Wülsten, Beulen und Kehlen sowie der typischen schuppigen Bergahorn-Borke erinnert er an einen Elefanten- oder sogar Dinosaurierfuß. Und die Geräuschkulisse von der nicht weit entfernten Elbe ist wohl auch ziemlich einmalig, wenn die Ozeanriesen (Kreuzfahrt- und Containerschiffe) ihre Hörner erklingen lassen, weil ein Kanufahrer im Weg ist…

Die Früchte des Berg-Ahorns sind kleine Nüsschen. Sie haben einen langen Flügel, der die Fallgeschwindigkeit verringert, so dass sie beim Fallen ins Trudeln geraten (Drehschraubenflieger) und dabei vom Wind verfrachtet werden, bis zu 125 m vom Mutterbaum. Und dabei erinnert man sich: Die Fruchthülle ist leicht klebrig, man kann sie aufbiegen und sich die Flügelnüsschen auf die Nase kleben – das haben als Kind sicher die meisten auch getan…

Wussten Sie schon, was das “Oskar-Syndrom” ist? Es bezeichnet sehr treffend die Situation, wenn junge Ahorne im tiefen Schatten auf mehr Licht warten und dann im Wachstum stagnieren, sobald sie etwa 1-2 m groß sind. Die Bezeichnung Oskar-Syndrom wurde dafür verwendet, da es ja das Schicksal von Oskar in der “Blechtrommel” von Günter Grass ist, dass der Junge nicht mehr weiterwächst. Diese Erscheinung kann man auch im Hirschpark (an anderer Stelle) beobachten.

Im Frühjahr kann es beim Ahorn zum “Bluten” aus abgeschnittenen Ästen und verletzter Rinde kommen, dann tropft es – das ist der sog. Frühjahrssaft, der auch für Ahornsirup genutzt werden kann. Er tritt bei Verletzungen ab März bis zum Austriebzeitpunkt aus und enthält reichlich Zucker (3%), den kann man sogar schmecken. Für den ‘Maple Syrup’ muss er dann eingedickt werden.

Sein Holz war bereits in der Stein- und Bronzezeit sehr geschätzt, heute vor allem bei Instrumentenbauern. So erzielte z.B. im Winter 2007/08 in Sachsen ein Stamm des Berg-Ahorns den höchsten Holzpreis, mit 8.600 Euro. Es werden wichtige Teile von Musikinstrumenten daraus gefertigt, das sog. Klangholz z.B. für Streichinstrumente, Lauten, Zithern und Gitarren, Panflöten und Fagott. Höchstpreise erzielt der sog. Flammen-/Riegel- und Vogelaugen-Ahorn, das sind Stämme mit welligem Holzfaserverlauf oder vogelaugenähnlichen Holzstrukturen, die dann im Furnier oder Edelholz besonders schön aussehen. Von den drei heimischen Ahornarten ist das Holz des Berg-Ahorns das begehrteste, auch weil es am hellsten ist. Es ist hart und gut zu bearbeiten.

Vor einer Holzernte bleibt dieser Baum nun durch die Ausrufung zum Nationalerbe verschont! Stattdessen darf er jetzt weitere Jahrhunderte in Würde altern, und wird dabei behutsam und mit höchster Fachkenntnis gepflegt und ggf. gesichert.

Text von Andreas Roloff, Tharandt (Auszug aus Buch “Die starken Bäume Deutschlands”, Quelle & Meyer Verlag Wiebelsheim, 2020)