Lärche im Bergpark Kassel-Wilhelmshöhe

Lärche Kassel: Blick von der Lärche (links) zum Herkules die Wasserkaskaden hinauf
BaumartEuropäische Lärche (Larix decidua)
Standort:Bergpark Kassel-Wilhelmshöhe in 425m Höhe ü. NN nahe dem Neptunbassin am Fuß der Wasserkaskaden unterhalb vom Herkules-Denkmal; Solitär auf großer Wiese
Alter:220-250 Jahre (geschätzt)
Stammumfang:4,77 m (gemessen 10.2021 in 1,5 m Stammhöhe oberhalb der Verdickung, 7,20 m in 0,5 m Höhe)
Höhe:ca. 27 m
GPS-Daten: N 51.315667, O 9.399532
NEB ab:Oktober 2021

Was für ein beeindruckender Baum und was für ein Ambiente im UNESCO Weltkulturerbe-Bergpark Wilhelmshöhe! Alles ist perfekt hier für diese ganz besondere Lärche. Ihr dicker wulstiger Stammfuß sieht aus, als wäre der Baum veredelt oder als hätte er im frühen Baumleben Dramatisches erlebt und würde seitdem eine innere Fäule kompensieren. Aktuelle Schalltomografie-Messungen des Stammes in 20 und 120 cm Höhe haben jedoch ergeben, dass es im Stamminneren zwar turbulent zugeht, aber die vorhandenen inneren Fäulebereiche begrenzt und (noch) unkritisch für die Baumstatik und -versorgung sind. Die Ursache für die Verdickung dürften Ringwurzeln aus der Zeit der Pflanzung sein, die am Stammfuß seitdem spiralförmig um die Stammachse wachsen (“Drehwuchs”) und im Lauf des langen Lebens dieser Lärche immer dicker geworden sind. Man kann dies äußerlich gut erkennen und nachvollziehen. Welche Folgen diese Abweichung der Wurzeln von der senkrechten Wachstumsrichtung für die Baumversorgung haben, lässt sich schwer abschätzen. Wir sind aber optimistisch, dass der Baum weiter gut damit umgehen kann, da er es offensichtlich bisher auch geschafft hat.

Aufgrund der wulstigen Verdickung im unteren Stammbereich ist der exakte Stammumfang nur etwas ungewöhnlich ermittelbar. Knapp oberhalb des verdickten Stammsockels in 1,5 m Höhe beträgt der aktuelle Umfang 4,77 m, in 50 cm Höhe am Wulst sind es 7,20 m. Über das genaue Alter (oder Pflanzjahr) dieser Lärche gibt es keine Aussagen oder Informationen: 200 bis 300 Jahre sind möglich – für am wahrscheinlichsten werden 220-250 Jahre gehalten. Die Krone war sicher vor einiger Zeit etwas größer, da sie im Wipfelbereich abgestorbene Äste aufweist.

Durch den besonderen Stammfuß wirkt dieser Baum – die erste Lärche unter den Nationalerbe-Bäumen und Baum Nr. 10 – besonders imposant, und ähnlich monumental sehen auch Uraltlärchen in den Alpen am Naturstandort dieser Baumart in 2000m Höhe aus, wo sie über 1000 Jahre alt werden können und ihre dicken Stammfüße zeigen, dass sie schon etliche Lawinenabgänge überstanden haben. Und was könnte besser als Kulisse für eine Baumart der Hochgebirge passen als ein Bergpark, noch dazu hier an einem der schönsten Orte im Park mit Blick auf die Wasserkaskaden?! Dies ist auch unsere erste Baum-Ehrung in einer öffentlichen Parkanlage.

An dieser Lärche sollen aufgrund ihrer dafür günstigen Umfeldbedingungen (als Einzelbaum frei stehend auf der großen Wiese am Unterhang) möglichst wenig Verkehrssicherungsmaßnahmen durchgeführt werden, sondern wir wollen sie in Würde natürlich altern lassen. Daher darf der Standraum des Baumes auch nicht betreten werden, da Äste herunterfallen können und um die Wurzeln zu schonen. Die Zukunftserwartung für diese Lärche können noch hunderte, sogar über 500 Jahre sein – wir sind zuversichtlich, dass sie an diesem optimalen Standort noch eine lange Lebenszeit erreichen kann: die ältesten uns bekannten Lärchen in den Alpen sind etwa 1.250 Jahre alt und wachsen in 2000 m Höhe beim Matterhorn in der Schweiz.

Die Europäische Lärche ist eine besonders filigrane Baumart, die Wäldern, Parks und Gärten im Herbst bis weit in den November Farbe und Heiterkeit verleiht, denn sie wirft als einzige heimische Nadelbaumart alljährlich ihre Nadeln ab und zeigt daher eine beeindruckende Herbstfärbung, die den Begriff “goldener Herbst” mit prägt. Das zarte helle Grün der neuen Nadeln im zeitigen Frühjahr ist ebenfalls ein Highlight, wenn man es beachtet. Aus diesen Gründen wird die Lärche in historischen Parkanlagen – so auch hier im Bergpark – gerne als gestalterisches Element eingesetzt, welches in ansonsten einheitlichen Laubwaldgebieten farbliche Akzente setzt.

Eine vollkommen schlüssige Erklärung dafür, warum Lärchen ihre Nadeln in jedem Herbst abwerfen, gibt es nicht, aber sicher ist dies von Vorteil, wenn es im natürlichen Verbreitungsgebiet einer Baumart entweder extrem kalt oder extrem trocken werden kann – was für die Lärche beides zutrifft. Kaum eine andere heimische Baumart ist so frosthart: bis unter -40°C. Der beste Verdunstungs- und Frostschutz für einen Baum ist nun einmal, wenn die Blätter in der kalten Jahreszeit abgeworfen werden können. Das setzt aber voraus, dass der Baum vor Abwurf der Nadeln wichtige Nährstoffe aus den Nadeln abzieht, der Grund für die wunderschöne goldene Herbstfärbung dieser Baumart.

Die Lärche entwickelt – für einen Nadelbaum ungewöhnlich – Kurz- und Langtriebe. An den sehr früh im März ergrünenden vielen Kurztrieben stehen bis zu 50 Nadeln dicht gedrängt im Büschel zusammen. Sehr ungewöhnlich: die Langtriebe hingegen erscheinen erst 4 Wochen später und wachsen dann bis zum Spätsommer immer weiter. Da Kurztriebe und sogar die Zapfen zu Langtrieben durchwachsen können, besteht ein großes Potenzial der Kronengestaltung und -anpassung – was eine Baumart des Hochgebirges ja auch haben muss.

Die Rinde zeigt im Alter wie bei diesem Baum eindrucksvolle Plattenstrukturen, die rötlich-braunen Borkeschuppen werden sehr dick und ähneln dann dem nordamerikanischen Mammutbaum.

Bei uns ist die Lärche nur mit einem Minibestand ihres Alpenareals nahe der Grenze zu Österreich einheimisch, im südlichsten Zipfel Deutschlands in den Allgäuer Alpen bei Oberstdorf und gilt deshalb in ganz Deutschland (bis nach Flensburg) als einheimisch, da dies nach Landesgrenzen entschieden wird…

Besondere Nährstoffansprüche hat die Baumart nicht, sie kommt eigentlich mit fast allen Böden zurecht, außer bei hoch anstehendem Grund- oder Stauwasser. Dabei benötigt sie aber ihr ganzes Leben viel Licht, so wie es hier im Park mit ihrem Freistand optimal gegeben ist.

Nicht weit von Kassel: wenn hessische Förster vom “Grand German” sprechen, dann wissen Kenner sofort, wovon die Rede ist – vom höchsten Lärchenbaum unter den sog. Schlitzer Lärchen, einem großen Lärchenbestand nordwestlich von Fulda. Mit über 20 Kubikmetern Holzvolumen ist dieser Baum nicht nur der stärkste Stamm dort, seine Höhe von 55 m macht ihn auch zur längsten Lärche der Republik, bei einem Stammumfang von 3,95 m (Brusthöhe). Unsere Lärche hier im Park ist somit deutlich dicker und gehört zu den drei stärksten von Deutschland. Das Schlitzer Waldgebiet zählt zu den ältesten Lärchenanbaurevieren in Deutschland – seit 1742. Daher passt es auch so gut, dass unsere erste Lärche unter den Nationalerbe-Bäumen in Hessen wächst.

Die Lärche ist zudem ein idealer Park-, Garten- und Stadtbaum, da sie viel Licht durchlässt, im Frühling sehr früh austreibt und sich im Herbst sehr spät und leuchtend verfärbt. In den Bergen ist sie zusammen mit dem Berg-Ahorn die beliebteste Hausbaumart und übernimmt dort vielfach auch heute noch die Funktion des Schutzpatrons für Haus und Hof.

Der Bergpark Wilhelmshöhe gehört zur Stadt Kassel, ist der größte Bergpark Europas – seit 2013 UNESCO-Weltkulturerbe – und zur ‘Museumslandschaft Hessen Kassel’ (MHK). Dies alles ist also oberste Liga für unsere Lärche, da sie dort an markanter Stelle wächst und tagein tagaus die Kaskaden, den Herkules und die Stadt Kassel “sieht” (und umgekehrt von überall dort gesehen werden kann).

Die Wasserkaskaden sind über 250 m lang und ergießen sich über einen Höhenunterschied von fast 100 m bergab in Wasserfällen über zahlreiche Staustufen. Diese werden beidseitig von Treppen mit 535 Stufen begleitet, die man hinuntersteigen kann (allerdings dann auch wieder hinauf muss!). Die Herkules-Statue steht ganz oben auf dem Berg auf dem Oktogon-Schlossdach und ist das Wahrzeichen der Stadt Kassel. Von dort und auch schon von etwas oberhalb der Lärche am Platz beim Neptunbecken hat man einen phantastischen Blick über die Stadt bis in die Stadtmitte, was bedeutet dass man umgekehrt den Herkules auch von vielen Stellen in der Stadt sehen kann.

Die Wasserspiele funktionieren immer noch nach der Jahrhunderte alten Technik, alleine mit dem vorhandenen Gefälle und ohne Pumpen. Der Ablauf ist so konzipiert, dass sie zu bestimmten Zeiten angestellt werden (vom 1. Mai bis 3. Oktober immer mittwochs, sonntags und an Feiertagen um 14:30 Uhr), in einer komplexen Choreografie 1:15 Stunden dauern und die Besucher dabei das Wasser von oben bis nach unten auf den Treppen nebenan begleiten können, um im Verlauf alle Stationen und Wasserbilder zu verfolgen. Das Wasser für die Inszenierung mit einer Gesamtmenge von 2100 m³ passiert dabei auf seinem Weg bergab eine Reihe von einzig zu diesem Zweck errichteten Bauwerken. Das sollten Sie sich nicht entgehen lassen! Die Kaskaden waren schon für unsere 4 Kinder, als wir in den 1980er und 1990er Jahren noch bei Göttingen wohnten, DAS Highlight für Ausflugsziele mit der ganzen Familie, davon schwärmen sie noch heute (35 Jahre später…).

Text von Andreas Roloff, TU Dresden

Baumpflege- und Sicherungsmaßnahmen (großteils erfolgt):

  • Überprüfung der Verkehrssicherheit und Einschätzung der Lebenserwartung
  • routinemäßige Kronenpflege
  • 2 Schalltomographien zur Ursachenfindung und Bruch-/Standsicherheitseinschätzung im Bereich der Stammfußverdickung
  • Optimierung des Stammumfeldes