Richteiche (Hofgut St. Gangolf, Mettlach, Landkreis Merzig-Wadern, Saarland)

Richteiche Gangolf: die Richteiche in voller Pracht mit ihrem knorrigen Stamm und großen Löchern
BaumartStiel-Eiche (Quercus robur)
Standort:am Hofgut St. Gangolf in der Gemeinde Mettlach (Landkreis Merzig-Wadern, Saarland), etwa 45 km nordwestlich von Saarbrücken, unmittelbar in der Nähe der berühmten Großen Saarschleife bei Mettlach
Alter:ca. 650 Jahre (Herleitung aus alten Quellen von 1487: „…groiss eiche…“)
Stammumfang:6,53 m in 1,0 m Stammhöhe (Taille, gemessen März 2022)
Höhe:ca. 23 m
GPS-Daten: N 49.484901, O 6.585917
NEB ab:09. April 2022

Wer den Alltag oder sogar die Welt etwas vergessen möchte in wunderschöner Umgebung zum Wandern, Radfahren, Bootfahren oder einfach „Abhängen“, der sollte sich einmal die Abgeschiedenheit vom Hofgut St. Gangolf ansehen. In den Ferienwohnungen des sog. „Refugiums“ kann man sich einquartieren und einigeln, und dann 5 Tage lang jeden Tag eine neue mächtige Naturdenkmal-Eiche auf sich wirken lassen. Auf mich hatte schon gleich die von uns auserwählte „Richteiche“ eine starke Wirkung – direkt neben der Eiche steht eine Bank, von der aus man (mit dem Stamm zur Seite) mit freiem Blick über Schafweiden auf die Saar in allerschönster Waldumgebung schauen kann und anfängt zu träumen: sollte ich hier vielleicht anfangen Aquarell zu malen, oder reicht das Fotografieren? hm, vielleicht Flöte spielen? ja das wär’s! sie liegt bereit für meinen nächsten Besuch dort…

Mit 6,55 m Stammumfang ist es der dickste Baum des Saarlandes! Ich habe jedenfalls keinen stärkeren Gemeldeten gefunden… Und damit wird es dann wohl mit seinen neu ermittelten 650 Jahren auch der älteste Baum des Saarlandes sein, das ist natürlich sensationell. Diese Eiche hat zudem eine besonders starke Ausstrahlung, das liegt mit an ihrem Standort und ihrem urigen Aussehen: mit einem sehr schönen knorrigen, geneigten Stamm, darin etliche große Löcher, wo früher Äste ausgebrochen waren, und eine Öffnung unten am Stammfuß. Die Krone ist weit auf die Wiese ausgebreitet, der Stamm etwas dorthin geneigt. Dreht man sich um, stehen auf der anderen Wegseite gleich nahbei zwei weitere Naturdenkmal-Eichen – da muss es schon etwas Besonderes als Anlass vor etwa 650 Jahren gegeben haben, diese Bäume hier zu pflanzen. Die Ursache ist: es waren Grenzbäume wie auch weitere mächtige Eichen in der Umgebung – sie alle markierten zusammen mit etlichen Großkreuzen einen hier sehr komplexen Grenzverlauf. Am Ort unserer auserwählten Eiche fand im Mittelalter zeitweise auch Gerichtsbarkeit statt.

Und erlebt hat der Baum auch schon einiges: vor etwa 60-70 Jahren wurde auf dem Weg am Baum eine Teerdecke aufgebracht, vor dem Baum auf der Wiese befand und befindet sich ein Bunker: man erkennt eine begrenzte Erhöhung der Wiese von etwa 20 m Durchmesser. Dabei hat man damals von dem Sträßchen bis zum Bunker um die Eiche herum den Boden zu einer ebenen Fläche angeschüttet, am Baum etwa einen halben Meter. Das hat sie gut verkraftet, da Eichen als Auenwaldbäume dies häufiger auch von Natur aus erleben. (Viele andere Baumarten sind da sehr empfindlich und könnten dann sogar absterben!) Daher wird daran nun nichts verändert, um keinen Schaden anzurichten.

Diese Eiche hat eine große baumbiologische Besonderheit: sie ist auf ihrer kompletten Länge etwa 20 m durchgehend hohl im Inneren, man kann im Baum bis in den Wipfel hochschauen. Dies beeinträchtigt jedoch ihre Bruchsicherheit nicht, da der Holzmantel drumherum bis auf die Astlöcher 20-30 cm dick und intakt ist, daher die Stabilität wie z.B. von einer Papprolle im Küchenpapier hat: die schafft man kaum zu knicken. Hohle Bäume sind also zunächst nichts Gefährliches, es kommt dann immer auf die sog. „Restwandstärke“ an: wenn diese intakt und dick genug ist, besteht kein erhöhtes Bruchrisiko. Das ist hier überprüft worden und ok.

Das Dorf St. Gangolf existiert seit dem späten 10. Jahrhundert. Auf dem günstig gelegenen Land am Fluss haben schon die Kelten gesiedelt und Ackerbau betrieben: Die Saarschleife weist ein eigenes Mikroklima auf, das im Jahresschnitt rund 2° C wärmer ist als die Umgebung. Das Hofgut gibt es seit dem 14./15. Jahrhundert: es wurde mit der Aufgabe gegründet, dem nahen Kloster Mettlach eine wirtschaftliche Grundlage zu sichern. Durch die Südwest-Hanglage unterhalb der etwa 2,5 km nordwestlich in der Saarschleife gelegenen Burg Montclair erhält das Hofgut den ganzen Tag über Sonnenstrahlung. Ein Hofladen bietet saisonal leckere Spezialitäten aus eigener Produktion von St. Gangolf an: Apfelsaft, Edelbrände, Wildbret von Reh und Wildschwein und Wildsalami.

Zudem gibt es auf dem Hofgut Ferienwohnungen, Tagungsräume und ein beeindruckend vielfältiges Kulturprogramm: das sog. Refugium St. Gangolf ist ein Rückzugsort in idyllischer Lage, zum Erholen und Genießen, für Meetings und Workshops, Konzerte, Literaturlesungen und vieles mehr. Seit vier Generationen ist das Land im Besitz der heutigen Eigentümerfamilie. Sie begann 2008, die Landwirtschaft systematisch auf biologische Herstellung umzustellen – ein erfahrener Bio-Landwirt bewirtschaftet die Flächen mit Getreidefeldern, Heuwiesen, Äckern für Viehfutter und Obstwiesen im natürlichen Rhythmus der Natur, und ein Förster pflegt den umgebenden Gutswald mit seinem Team und drei Jägern. So eine intakte Idylle im seit Jahrhunderten gebeutelten Saarland ist einfach unfassbar schön und wohltuend – man merkt, dass dort die Natur ihren Rhythmus erhalten hat!

Text von Andreas Roloff, TU Dresden