Ureibe bei Steibis (Oberstaufen, Oberallgäu, Bayern)
| Baumart | Europäische Eibe (Taxus baccata) |
| Standort: | bei Steibis, zum Markt Oberstaufen gehörig: Aufstieg von der Talstation der Hochgrat-Seilbahn, etwa 100 m westlich steiler Fahrweg nach Süden (für Kfz gesperrt), auf diesem bleibend kommt man nach 30-45 min Fußmarsch zur Alphütte Unterlauchalpe; von dort nochmals 300 m weiter auf dem Fahrweg folgend etwas bergauf, dort steht die Eibe links auf der Weide (Hinweistafel am Weg); wenn die Alpweide eingezäunt ist (während des Auf- und Abtriebes vom Weidevieh), bitte beachten: dann sind Rinder auf der Weide, die auf Störungen möglicherweise empfindlich reagieren. Landkreis Oberallgäu, Regierungsbezirk Schwaben; Bundesland: Bayern |
| Alter: | ca. 1.100 Jahre (900-1.300, hergeleitet aus Baumgestalt, Jahrringmessungen, Standort und Historie der Weidenutzung) |
| Stammumfang: | 5,10 m (in 1,3 m Stammhöhe, gemessen im Okt. 2025) |
| Höhe: | ca. 6 m |
| GPS-Daten: | N 47.499910, O 10.051850 |
| NEB ab: | März 2026 (die Ausrufung erfolgt am Do 18. Juni 2026 um 13:00 Uhr) |
Es war eine Riesen-Überraschung im Juli 2025, dass dort oben der erste glaubhaft 1.100-jährge Baum Deutschlands gefunden wurde. Zudem hat dieser Baum auch den schönen Namen Ureibe, der somit tatsächlich zutrifft – es wäre interessant zu erfahren, wie, wann und warum dieser Name zustande gekommen ist (bisher ist dazu nichts bekannt). Es ist eine weibliche Eibe, die also reichlich Samen produziert, wenn der Pollen eines männlichen Baumes sie erreicht hat.
Niemand weiß, wie der Baum dort auf die Almwiese gekommen ist, er wurde sicher nicht gepflanzt, sondern der Same ist vermutlich von Vögeln dorthin gebracht worden. Denn schon vor über 5.000 Jahren in der Jungsteinzeit lebte der „Mann aus dem Eis“ (Ötzi, vor 35 Jahren als Mumie im Gletscher gefunden) in über 3.000 m Höhe in den Südtiroler Alpen und trug einen Eibenbogen zur Jagd bei sich, weshalb die Eibe schon damals große Bedeutung für die Menschen gehabt hatte.
Der Stammumfang der Ureibe beträgt 5,10 m, womit sie auch die dickste bekannte Eibe von Deutschland ist! Es ist schwierig, dieselbe Messebene mehrmals wiederzufinden, geschweige denn die von früheren Messungen anderer Personen. Daher ist aus nacheinander folgenden Messungen über längere Zeiträume keine Altersherleitung möglich, wie es bisweilen versucht wird. Es konnten aber Jahrringe an einem 11 cm langen Bohrspan aus dem Stamm untersucht werden, was eine Herausforderung war. Denn von dem Bohrspan waren 4 cm brauchbar und darin konnten 54(!) Jahrringe – nebst 6 Jahrringausfällen – gezählt werden, zusammen also 60 Jahre. Durch Umrechnung auf den Stammumfang von 5,10 m kommt man auf ein Alter von 1.100 Jahren (wegen des früher vermutlich besseren „Jugendwachstums“ sind somit 900-1.300 Jahre möglich). Damit wächst diese Eibe dort in der Höhenlage „etwas tiefgekühlt“ nur etwa halb so schnell wie andere Eiben im Tiefland, was absolut nachvollziehbar ist.
Ihr Stamm ist ein traumhaftes Monument mit Spalten, Wülsten, Beulen, Rippen, Rissen und Löchern, bestehend aus mehreren sehr unterschiedlichen Anteilen (für alte Eiben typisch), die aber alle noch miteinander verbunden sind mit einem noch weitgehend geschlossenen Stammmantel.
Bei den länger dauernden Recherchen zum Eigentümer dieser Eibe wurde bald klar, dass wir dort mit unserem Anliegen eines Nationalerbe-Baumes eigentlich nicht landen konnten. Denn die Eibe steht auf einer beweideten und beim ersten Besuch eingezäunten Alpwiese, wo man nicht erwarten konnte, dass Besucher des Baumes willkommen sind.
Beim zweiten Besuch im Juni 2025 stellte sich dann heraus, dass die Weide zur Alphütte Unterlauchalpe und damit der Weidegenossenschaft Maierhöfen gehört, welche daher für unser Anliegen zuständig war. Die Eibe ist bereits in einem Flyer zum hochinteressanten dendrologischen Lehrpfad dort oben durch die Berge verzeichnet (Flyer „Auf den Spuren alter Bäume – Die Baumveteranen von Steibis“ des Fremdenverkehrsvereins Oberstaufen, online mit Websuche als pdf herunterladbar) und wird darin mit einem Alter von 600-800 Jahren und dem Namen Ureibe beschrieben.
Die weiteren Nachforschungen bei der Weidegenossenschaft Maierhöfen ergaben dann wie erwartet zunächst Skepsis zu unserem Anliegen, aber das Thema wurde auf ihrer gerade kurz darauf erfolgten Jahresversammlung behandelt. Und da geschah das Wunder: dass die versammelten 12 Landwirte unser Anliegen vehement und begeistert unterstützen möchten und mächtig stolz darauf sind, dass ihre Eibe so geehrt werden soll und sie nun aktuell nach unserem Kenntnisstand der älteste Baum von Deutschland ist. Das hätten sie doch schon immer gewusst, und sie sind überglücklich über ihren neuen Nationalerbe-Schatz.
Also gab es dann im Oktober 2025 einen dritten Besuch dort (ich liebe die Berge!) zur Vorortbesprechung mit allen Beteiligten: dem Vorsitzenden der Weidegenossenschaft, Vertretern der Unteren Naturschutzbehörde (UNB beim Landratsamt Oberstaufen) und den Hüttenwirten. Als Ergebnis wurde dort sogleich die Vereinbarung unterzeichnet und somit war und ist seitdem klar, dass die Ureibe ein Nationalerbe-Baum wird. Ich bin überwältigt, dass dies also wider Erwarten doch geklappt hat und werde diesen Baum jedes Jahr aufsuchen, um mit ihm zu reden (das mögen so alte Bäume und warten darauf…).
Mich beschäftigt noch: Eibenzweige sind für Rinder eigentlich giftig, und diese Eibe steht auf einer Weide mit Viehbeweidung. Auf meine Nachfrage wurde mir dazu mitgeteilt, dass die Rinder kaum an den Eibenzweigen fressen, offenbar also wohl von der Giftigkeit wissen – das ist sehr interessant, beruhigend und schön!
Der Baum wächst einzeln frei auf der Weide, und nicht weit von ihm entfernt gibt es einen „Junior“-Nachkömmling, der etwa ein Drittel so alt sein könnte. Man erreicht die Ureibe mit einem etwa 30-45 min dauernden steilen Aufstieg von der Hochgratbahn-Talstation (dort auch Parkplätze) auf einem Fahrweg, bei schnellem Schritt sind es bergauf 30, bergab 20 Minuten. Man kann auch mit der Hochgrat-Seilbahn bis nah zum Gipfel fahren und zurück hinunterlaufen (über den dendrologischen Lehrpfad, der unbedingt lohnt), kommt dabei automatisch an der Eibe bei der Unterlauch-Alpe vorbei. Eine Einkehr dort mit Brotzeit ist unbedingt zu empfehlen. Zur Ausrufung wird dann auch die Baumtafel am Weg mit 2 Bänken daneben aufgestellt.
Text und Fotos: Andreas Roloff, TU Dresden