Jahresbericht 2020

Dez 23, 2020

Bericht zu den Aktivitäten im Projekt Nationalerbe-Bäume Deutschlands 2020, mit Angaben zur Vorbereitung, Durchführung und Wirkung der Ausrufungen sowie Sicherungs- und Pflegemaßnahmen von Nationalerbe-Bäumen.

Corona-bedingt waren keine Ausrufungen von April bis Juli 2020 möglich. Insgesamt können wir aber mit dem Verlauf 2020 sehr zufrieden sein: trotz widriger Bedingungen durch zunehmend einschränkende Veranstaltungsvorgaben/-verbote ist es gelungen, weitere 4 Bäume als Nationalerbe-Bäume auszuwählen (überwiegend aus uns zugegangenen Meldungen der Öffentlichkeit) und 3 davon auszurufen:

Nr.4: Stiel-Eiche in Nagel/Küps (Oberfranken, Lkr. Kronach, Bay)
Am 22.8.2020 wurde die alte Stiel-Eiche in Nagel/Küps (Bayern) zum 4. Nationalerbe-Baum ausgerufen. Infolge restriktiver Teilnehmerzahl-Begrenzung musste sie nichtöffentlich erfolgen: aufgrund von Corona- Vorgaben und Platzmangel am Baum – Abstandregeln, Steilhang und riesige, bis zu 6m lange Wurzelanläufe des Baumes – konnten nur max. 50 geladene Gäste teilnehmen. Mehr erfahren Sie in den Neuigkeiten vom 22. August 2020.

Nr.5: Sommer-Linde Hochmössingen (Schwarzwald, Lkr. Rottweil, Ba-Wü)
Am 26.9.2020 wurde die Sommer-Linde in Hochmössingen (Ortsteil von Oberndorf a.N., Baden-Württemberg) als 5. Nationalerbe-Baum ausgerufen. Das Wetter war eine Herausforderung: es schüttete im Schwarzwald seit dem Vorabend bei starkem Wind aus Eimern bei 5° C, ohne Anzeichen eines Endes im Verlauf des Tages. So wurde die Ausrufungs-Zeremonie kurzfristig in die ortseigene Sporthalle verlegt, wo alle Grußworte und Reden sowie die musikalische Begleitung durch den spritzigen örtlichen Musikverein und die Bewirtung im Trockenen und Warmen stattfinden konnten. Dies erfolgte natürlich unter Beachtung der Corona-Bedingungen nach vorheriger Anmeldung und mit Abstands- und Hygieneregeln, was von den Beteiligten sehr gut eingehalten wurde. Mehr erfahren Sie in den Neuigkeiten vom 27. September 2020.

Nr.6: Berg-Ahorn Hirschpark Hamburg
Am 23.10.2020 wurde der 6. Nationalerbe-Baum und die Baumart Berg-Ahorn mit in die Ehrengarde aufgenommen. Unter Corona-Auflagen (ab darauf folgendem Montag gab es weitere drastische Einschränkungen in der Hansestadt) und mit bisher größtem Medieninteresse fand im beschaulichen Rahmen (max. 20 geladene Gäste, und jeweils etwa ebenso viele Medienvertreter plus “spontane Parkbesucher”) die Zeremonie mit Grußworten, Tafelenthüllung und Laudatio statt. Der Baum war herbstlich verfärbt mit zahlreichen gelben Blättern, die in den zunächst grauen Oktoberhimmel strahlten. Aber just in dem Moment der Tafelenthüllung um 11:11 Uhr brach die Sonne durch und versetzte alle Gäste in großes Erstaunen, da eben dies kurz zuvor bei der Laudatio angekündigt worden war – das war ein großartiges Geschenk “von oben”! Mehr erfahren Sie in den Neuigkeiten vom 23. Oktober 2020.

Nr.7: Flatter-Ulme Gülitz (Lkr. Priegnitz, Brdb.)
Inzwischen sind auch beim 7. Nationalerbe-Baum Deutschlands die Vorbesprechungen und Klärungen vor Ort sowie die Maßnahmendiskussion mit dem Baumeigentümer und Vertragsunterzeichnung erfolgreich abgeschlossen. Hierbei ist die Evangelische Kirchengemeinde Gülitz mit ihrem Pfarrer und Gemeinde-Kirchenrat für den Baum zuständig – das haben sie erst durch unsere Anfrage zur Ausrufung erfahren, eine besonders schöne und interessante Begebenheit bei diesem Baum! Die Ausrufung ist corona-bedingt für den 29. Mai 2021 geplant, mit größerer Feier. Mehr erfahren Sie auf der Seite zum 7. Nationalerbe-Baum.

Allgemeines zum Projektstand
Die Tafelerstellungen erfolgen immer termingerecht in beeindruckender Qualität nach den speziellen Anforderungen und Vorgaben des Kuratoriums. Sie sind sehr repräsentativ und witterungsresistent, haben sich bewährt und werden mit sehr hoher Frequenz beachtet, was man am zertretenen Wiesenzustand vor der Tafel erkennt.

Die notwendigen und sinnvollen Sicherungs- und Baumpflege-Maßnahmen fallen je nach Baum sehr unterschiedlich aus: von “Baum ohne Probleme und Bedarf” (z.B. Eibe in Flintbek bei Kiel) über moderater Bedarf (4-stelliger Euro-Betrag: z.B. Ginkgo Riesa, Ahorn Hamburg) bis “sehr großer und dringender Bedarf” (5-stelliger Euro-Betrag: z.B. Linde in Heede/Emsland). Letztere wurde im Jahr 2020 mit einem sehr hohen finanziellen Aufwand gesichert und gepflegt. Andererseits wurde damit dieser dickste vollstämmige Baum Deutschlands (Alter 600-800 Jahre) mit Sicherheit vor dem Auseinander-brechen gerettet und damit sein Erhalt und Weiterleben gesichert. Insofern war dies den hohen finanziellen Aufwand in jedem Fall wert. Damit wird auch gleich am Anfang dieses Projektes sein Ziel und Engagement verdeutlicht. Zudem hat die beauftragte Baumpflegefirma sich 7 der besten Kollegen aus ganz Deutschland für die Pflege dieser uralten Linde zusammengeholt, und sie haben gemeinsam den Baum mit Handsägen und Feinarbeit bearbeitet, was in ganz Deutschland für Aufsehen gesorgt hat und als vorbildliches Vorgehen überall wahrgenommen und anerkannt wurde. Darüber wurde auch ein Film gedreht, aus dem zum Ausdruck kommt, wie sehr sich der Baumpfleger Jürgen Unger geehrt fühlt, dass er diesen Auftrag erhalten hat. Das war insgesamt eine der beeindruckendsten und schönsten beruflichen Erfahrungen für mich im Jahr 2020, neben den eigentlichen Ausrufungen.

Man merkt daran: wir sind auf dem besten, richtigen Wege mit dem Projekt Nationalerbe-Bäume. Allerdings erfordert es dadurch auch mehr Kosten als ursprünglich geplant.

Sowohl die herkömmlichen Medien wie Fernsehen, Radio, Print-Presse als auch die neuen Medien reagieren auf das Vorhaben sehr positiv. Viele sind bei den Ausrufungen anwesend (in Hamburg waren es 25 Medienvertreter) und/oder berichten im Nachgang ausführlich über den Baum, die Ausrufung und den Hintergrund dieses Projekts. Unsere Projekt-Homepage www.nationalerbe-baeume.de wird bis zu über 600-mal am Tag angeklickt – dieser Wert wurde am 23.10.2020 erreicht, der Ausrufung des Hamburger Berg-Ahorns.

Die betroffenen Baumeigentümer und Verantwortlichen (Gemeinden/Landkreise, Kirchen, Privatpersonen) fühlen sich durch die Auswahl und Ernennung ihres Baumes spürbar sehr wertgeschätzt und steigern ihr Engagement und Aktivitäten für den Baum maßgeblich, z.B. auch durch touristische Vermarktung und Bekanntmachung. Gerade bei privaten Baumeigentümern wird damit ein enormes Bewusstsein für den (biologischen, ökologischen, kulturellen) Wert ihres Baumes und seine Besonderheiten bewirkt.

Am 30.11.2020 wurde online (ein Treffen war corona-bedingt nicht möglich bzw. sinnvoll) über die Kandidaten für das kommende Jahr befunden – jedes Kuratoriumsmitglied hatte dabei die Möglichkeit, einen Wunschkandidaten zu nennen. Insgesamt enthielt die Liste möglicher Kandidaten am Stichtag genau 100 Bäume, dafür waren etwa 200 Meldungen eingegangen. Die Differenz beider Anzahlen entsteht durch Doppel- und Mehrfach-Meldungen sowie ungeeignete Bäume (z.B. nicht öffentlich zugänglich, Privatbäume mit zu hohen oder abweichenden Erwartungen, ungeeignete Baumarten mit zu kurzer Lebensdauer, Bäume mit zu großen Problemen/in der Absterbephase, Bäume mit anderer maßgeblicher Förderung/Marketing wie z.B. die Ivenacker Eichen u.ä.).

Jede eingehende Baummeldung wird persönlich beantwortet, mit Dank und meist weiteren Fragen zum Baum, Mitteilung über das weitere Vorgehen und Vorentscheidung über die grundsätzliche Eignung und Aufnahme in die Liste möglicher Kandidaten.

Für 2021 liegt nun zunächst eine Auswahl von 5 Bäumen vor in bisher noch nicht beteiligten Bundesländern und mit einigen weiteren noch nicht berücksichtigten Baumarten.

Insgesamt ist der Stand mit 7 festgelegten Bäumen jetzt sehr beachtlich, hat eine große Wirkung auf die Wahrnehmung, Würdigung und Wertschätzung alter Bäume und erhöht maßgeblich die Bemühungen um ihren Erhalt. Dies strahlt weit über nur die ausgerufenen Bäume aus.

Noch viel mehr Informationen zum Projektstand und über 100 Bilder sowie einige Videos finden sich auf der Homepage www.nationalerbe-baeume.de. Die Internetpräsentation des Projekts wird als sehr informativ, interessant und gelungen eingeschätzt.

Für die großartige Unterstützung dieser Aktivitäten 2020 möchten wir unseren herzlichen Dank an die Eva Mayr-Stihl Stiftung aussprechen, sowie an die DDG mit dem NEB-Kuratorium (mit mir Katharina Edlinger, Eike Jablonski, Marion Scheich und Uwe Thomsen: ein hervorragendes, engagiertes Team).

Prof. Dr. Andreas Roloff


Den Jahresbericht 2020 im .pdf-Format können Sie hier herunterladen.